Klapper 2003/04

 

 

Dokumentation

Mittelalterliche Leprosenhäuser im heutigen Baden-Württemberg

Einleitung:

 

Die vorliegende 6. Kartenlieferung "Mittelalterliche Leprosorien im heutigen Baden-Württemberg" umfasst den geographischen Raum mit der zweitgrößten Anzahl nachzuweisender Leprosenhäuser in Deutschland. Mit insgesamt 185 Orten liegt es knapp hinter Bayern (190 Orte) und deutlich vor Nordrhein-Westfalen (154 Orte).

 

Das wird den kundigen Leser, der die bisherigen Dokumentationen und Kartenlieferungen aufmerksam verfolgt hat, nicht überraschen.

 

Waren es anfangs vor allem die Staufer und Zähringer, die in der Region des vorliegenden Kartenblattes durch gezielte Städtegründungen ihre Herrschaft und ihr Territorium zu sichern suchten, folgten ihrem erfolgreichen Konzept rasch weitere Adelsgeschlechter und ließen im Raum ihrer Stammsitze eine außerordentlich städtereiche Landschaft entstehen. Allein die entstandenen 25 Reichsstädte im heutigen Baden-Württemberg (von insgesamt 50 Reichsstädten im Deutschen Reich) geben Beispiel für das politische, wirtschaftliche und kulturelle Aufblühen der Region, getragen vom regen Nah- und Fernhandel, den ein umfangreiches Verkehrsnetz (Fernhandelsstraßen: Frankfurt, Nürnberg, Augsburg, Basel, Straßburg; Wasserstraßen: Rhein, Donau, Neckar, Kocher, Jagst, Tauber) ermöglichte. Handel und Wandel erzeugten sowohl die Mobilität in der Bevölkerung, die zur Ausbreitung der Lepra beitrugen, als auch den wachsenden Reichtum des städtischen Bürgertums, der wiederum in den sozial-caritativen Leistungen der Städte Ausdruck findet, speziell in den Stiftungen der Leprosorien vor den Stadtmauern.

Der Überblick:

 

13. Jahrhundert:

  1. Schlatt (um 1220)
  2. Ulm (1246)
  3. Überlingen (um 1250)
  4. Freiburg (1251)
  5. Konstanz (1259)
  6. Heitersheim (1277)
  7. Schwäbisch Hall (1277)
  8. Ravensburg (1279)
  9. Stuttgart (1280)
  10. Esslingen (1282)
  11. Pfullingen (1289)
  12. Reutlingen (1289)
  13. Tübingen (1289)
  14. Ettlingen (1292)
  15. Bad Wimpfen (1293)
  16. Rottweil (1298)
  17. Alpirsbach (1299)
  18. Säckingen (13. Jh.)
  19. Staufen (13. Jh.)
  20. Heilbronn (Ende 13. Jh.)

14. Jahrhundert:

  1. Biberach (1307)
  2. Renchen (1313)
  3. Nürtingen (1315)
  4. Bad Wurzach (1321)
  5. Villingen (1322)
  6. Schwäbisch Gmünd (1326)
  7. Ulm (1326)
  8. Ehingen a.d.D.(1327)
  9. Kirchheim U.T. (1328)
  10. Esslingen (1331)
  11. Weinsberg (1342)
  12. Horb (1345)
  13. Isny (1345)
  14. Weingarten (1345)
  15. Pfullendorf (vor 1346)
  16. Pforzheim (1348)
  17. Riedlingen (1349)
  18. Waldsee (1349)
  19. Waiblingen (1350)
  20. Rottenburg (1352)
  21. Balingen (1357)
  22. Plochingen (1366)
  23. Breisach (1375)
  24. Oberndorf (1379)
  25. Gerlingen (1381)
  26. Munderkingen (1383)
  27. Schlierbach (vor 1384)
  28. Ellwangen (1384)
  29. Fellbach (1394)
  30. Kenzingen (1395)
  31. Reutlingen (Mitte 14. Jh.)
  32. Emmendingen (13. Jh.)
  33. Mengen (14. Jh.)
  34. Oberkirch (14. Jh.)
  35. Offenburg (14. Jh.)

15. Jahrhundert:

  1. Göppingen (1401)
  2. Sulz (1402)
  3. Ebingen (1405)
  4. Dischingen (1407)
  5. Wangen (1413)
  6. Geislingen (1418)
  7. Calw (vor 1423)
  8. Bad Mergentheim (1424)
  9. Heimerdingen (1424)
  10. Hüfingen (1427)
  11. Mosbach (vor 1430)
  12. Heidelberg (1430)
  13. Unlingen (1444)
  14. Öhrigen (1445)
  15. Aalen (1447)
  16. Nagold (1447)
  17. Saulgau (1450)
  18. Ravensburg (1454)
  19. Schorndorf (1456)
  20. Neuenburg (1465)
  21. Haigerloch (1472)
  22. Friedrichshafen (1276)
  23. Crailsheim (1477)
  24. Herrenberg (1483)
  25. Hechingen (1486)
  26. Wildberg (1488)
  27. Hornberg (1491)
  28. Bopfingen (1495)
  29. Weil d. Stadt (1499)
  30. Künzelsau (vor 1500)
  31. Tiengen (vor 1500)
  32. Langenau (15. Jh.)
  33. Rosenfeld (15. Jh.)
  34. Urach (15. Jh.)
  35. Wespach (15. Jh.)

16. Jahrhundert:

  1. Neresheim (um 1500)
  2. Schömberg (1501)
  3. Meersburg (1502)
  4. Engen (vor 1503)
  5. Merklingen (vor 1510)
  6. Markdorf (1510)
  7. Gaildorf (1512)
  8. Bad Schussenried (1515)
  9. Stühlingen (1527)
  10. Möckmühl (1528)
  11. Hosskirch (1530)
  12. Leutkirch (1530)
  13. Scheer (1531)
  14. Blankenloch (1532)
  15. Adelsberg (1537)
  16. Blaubeuren (1537)
  17. Winnenden (1537)
  18. Münsingen (1554)
  19. Tettnang (1555)
  20. Bietigheim (1556)
  21. Baden-Baden (vor 1559)
  22. Sindelfingen (1559)
  23. Dornhan (1564)
  24. Wolfach (vor 1566)
  25. Rheinhausen (1570)
  26. Marbach (1574)
  27. Tuttlingen (1575)
  28. Buchau (1580)
  29. Möhringen (1584)
  30. Endingen (vor 1589)
  31. Schiltach (1590)
  32. Mörsch (1596)
  33. Eschach (16. Jh.)
  34. Geisingen (16. Jh.)
  35. Kaiserringen (16. Jh.)
  36. Langenenslingen (16. Jh.)
  37. Trochtelfingen (16. Jh.)
  38. Spaichingen (vor 17. Jh.)

17. Jahrhundert:

  1. Löfflingen (um 1601)
  2. Neuffen (um 1605)
  3. Ochsenhausen (1608)
  4. Dürmentingen (vor 1610)
  5. Stetten am kalten Markt (1614)
  6. Leonberg (1617)
  7. Altshausen (1626)
  8. Schlier (1635)
  9. Freistett (vor 1620)
  10. Giengen (1650)

18. Jahrhundert:

  1. Friedingen (1791)

Undatiert:

  1. Achern
  2. Adelsheim
  3. Allensbach
  4. Backnang
  5. Bohlingen
  6. Bruchsal
  7. Bühl
  8. Durlach
  9. Elzach
  10. Friesenheim
  11. Friolzheim
  12. Gengenbach
  13. Gernsbach
  14. Gröningen
  15. Gundelfingen
  16. Haslach
  17. Hayingen
  18. Heidelberg
  19. Heidenheim
  20. Heimsheim
  21. Horn
  22. Ilshofen
  23. Jestetten
  24. Kisslegg
  25. Konstanz
  26. Kork
  27. Laiz
  28. Melchingen
  29. Messkirch
  30. Mühlheim an der Donau
  31. Neuenstein
  32. Rastatt
  33. Reichenau
  34. Rheinbischofsheim
  35. Rohrdorf
  36. Salem
  37. Sankt Georgen
  38. Steißlingen
  39. Sigmaringen
  40. Sipplingen
  41. Stockach
  42. Stollhausen
  43. Tauberbischofsheim
  44. Triberg
  45. Uffhausen
  46. Vaihingen
  47. Waldkirch
  48. Waldshut
  49. Weinheim
  50. Wertheim
  51. Wiesensteig
  52. Wollmatingen.

Zusammenfassung:

 

Die insgesamt 191 Leprosenhäuser in Baden-Württemberg sind wiederum an den für Leprosorien typischen Standorten zu finden (an Handelswegen, Fluss- oder Bachverläufen, außerhalb der Stadtmauern) und werden in dieser Region überwiegend als "Feldsiechenhaus" (Konstanz: "Arme Kinder im Feld"), "Sondersiechenhaus" oder Gutleuthaus bezeichnet. In Esslingen, Heidelberg, Konstanz, Ravensburg, Reutlingen und Ulm lassen sich jeweils zwei Leprosorien nachweisen. Viele Häuser finden wir mit eigener Kapelle und Friedhof ausgestattet.

 

Als Patrozinien sind am häufigsten genannt:

 

St. Katharina ( Bad Wimpfen?, Ehingen, Horb, Kirchheim, Pfullendorf, Pfullingen, Reutlingen, Riedlingen, Rottenburg, Schwäbisch Gmünd, Überlingen, Ulm);

St. Leonhard (Aalen, Hüfingen, Isny, Leutkirch, Oberndorf, Tauberbischofsheim, Ulm);

St. Nikolaus (Ellwangen, Geislingen, Horb, Schwäbisch Hall, Wangen);

St. Wolfgang (Crailsheim, Göppingen, Künzelsau);

St. Georg (Ettlingen, Pforzheim, Ravensburg, Scheer);

St. Jakob (Heilbronn, Munderkingen, Weil d. Stadt);

Hl. Geist (Freiburg); Hl. Kreuz (Oberndorf, Ravensburg, Schorndorf);

St. Laurentius (Heidelberg);

St. Johannis (Bopfingen, Säckingen);

St. Magdalena (Biberach, Staufen);

St. Markus (Langenau); St. Rochus (Bad Mergentheim);

St. Ulrich (Konstanz);

Unser Lieben Frauen (Bad Schussenried, Messkirch, Saulgau, Sulz, Tübingen);

Allerheiligen (Balingen, Rottweil);

St. Martin (Bad Schussenried);

St. Pantaleon (Pfullingen).

 

Leprosenhausordnungen sind erwähnt für:

 

Ulm (1348/1466),

Esslingen (1405/1657),

Überlingen (1424),

Freiburg (1480),

Biberach (1491),

Engen (1503),

Konstanz (1453/1553),

Ravensburg (1570/1604),

Staufen (1576),

Schwäbisch Hall (1590),

Ochsenhausen (1608).

 

Für das Leprosenhaus St. Katharina in Ulm werden 30 Bewohner (1370), in Rohrdorf 11 und Heilbronn 20-30 Bewohner erwähnt. Einige Häuser werden offensichtlich sehr lange als Leprosenhäuser genutzt: Gaildorf (1646 noch Aussätzige erwähnt), Stuttgart (1709 ein lepröser Junge aus Schiltach), Isny (1735: 2 Lepröse), Staufen (1758 letzter Leprakranker verstorben).

Mit dem Rückgang der Lepra erfolgt spätestens im 18. und 19. Jahrhundert bei vielen Häusern ein Funktionswandel. Ehemalige Leprosenhäuser werden als Armenhäuser (z.B. Allensbach, Baden-Baden, Crailsheim, Endingen, Gaildorf, Sankt Georgen, Löffingen, Pfullendorf, Dischingen, Giengen, Heilbronn, Herrenberg, Langenau, Kisslegg, Schwäbisch Hall, Mühlheim, Oberndorf, Rottenburg, Tübingen, Wespach) oder Spitäler ( z.B. Durlach, Endingen, Haslach, Heitersheim, Pfullendorf, Säckingen, Tiengen, Villingen, Aalen, Bopfingen, Bad Mergentheim, Schwäbisch Gmünd, Ulm, Heilbronn, Geisingen) weiter geführt. Aus den ehemaligen Leprosorien in Pfullendorf und Hechingen wurden dann 1876 und 1900 Gasthäuser.

 

 

Jürgen Belker-van den Heuvel, Münster

 

Details der Leprosenhäuser im heutigen Baden-Württemberg

 

Übersichtskarte der Leprosenhäuser im heutigen Baden-Württemberg

 

 

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Literaturhinweis:

1. Aussatz-Lepra-Hansen-Krankheit. Ein Menschheitsproblem im Wandel, Teil 1: Katalog, bearb. von Christa Habrich, Juliane C. Wilmanns, Jörn Henning Wolf, Ingolstadt 1982 (Kataloge des Deutschen Medizinhistorischen Museums, hg. von Jörn Henning Wolf und Christa Habrich, Heft 4), S. 117ff.

2. Englisch, August, Über Leprosorien in Württemberg, med. Diss. Frankfurt/M. 1951

3. Keyser, Erich/Heinz Stoob, Deutsches Städtebuch, 5 Bd. (1939-74)

4. Reicke, Siegfried, Das deutsch Spital und sein Recht im Mittelalter, 2 Bde, Stuttgart 1932, ND Amsterdam 1970 (Kirchenrechtl. Abh. 111-114)

5. Staerk, Dieter, Gutleutehäuser und Kotten im Südwestdeutschen Raum. Ein Beitrag zur Erforschung der städtischen Wohlfahrtspflege in Mittelalter und Frühneuzeit, in: Die Stadt in der Geschichte, FS Edith Ennen, Bonn 1973, S. 529-553

6. Virchow, Rudolf, Zur Geschichte des Aussatzes, besonders in Deutschland, in: Virchows Archiv path. Anat. 18 (1860), S.138-162, 273-329; 19 (1860), S. 43-93 ; 20 (1861), S. 166-198, 459-512.


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