Klapper 2000

 

 

Dokumentation

Mittelalterliche Leprosenhäuser im heutigen Nordrhein-Westfalen

Einleitung:

Dem bereits 1988 veröffentlichten Konzept (vgl. die Klapper 1/1988, 2. Jahrgang) folgend, liegt nun endlich die von vielen treuen Lesern längst erwartete Kartenlieferung 3, Mittelalterliche Leprosorien im Gebiet des heutigen Nordrhein-Westfalens, vor.


Eine Region, die bereits über eine früh einsetzende und aufblühende Städtelandschaft verfügt, beeinflusst

durch regen Handel und Wandel, sei es durch die räumliche Erschließung alter und neu sich ausbildender Heer-, Handels- und Pilgerstraßen, die wichtigen Wasserstraßen (Rhein, Weser, Ruhr und Lippe), durch das Aufkommen städtischer Handelskraft, hier besonders deutlich durch die starke Präsenz in der Hanse (über 50 Hansestädte) und einem landesherrlichen Machtstreben (Kurfürstentum Köln; Bistümer Münster, Minden; Herzogtum Berg, Kleve, Westfalen; Grafschaften Moers, Steinfurt, Lüneburg, Ravensberg, Lippe, Pyrmont, Nassau-Dillenburg; Vest Recklinghausen), das in weltlicher und geistlicher Hinsicht die gesamte Entwicklung in dieser Region stark mitprägte. Zweifellos auch in dieser Landschaft bedeutende Faktoren, die im Vergleich zu anderen Regionen in uns nicht überraschender Weise eine große Anzahl von Leprosorien im Zeitraum vom 12.-17. Jahrhundert entstehen lassen. Immerhin haben wir es mit insgesamt 140 Orten mit 154 Leprosorien zu tun, der nach Bayern (190 Leprosorien) am dichtesten ausgestatteten Region im deutschsprachigen Raum.


Der Überblick:

So finden sich die ersten Nachweise in den schon früh entstandenen Zentren städtischen Lebens (z. B. Köln, Aachen, Dortmund, Münster, Soest, Minden, Paderborn, usw.), Städten mit zum Teil bereits römischen Wurzeln, späteren Bischofssitzen, oder mit bedeutender Anzugskraft des Handels oder auch wichtigen Stationen großer Wallfahrten und Anschlusswallfahrten (Aachen, Köln; Wesel, Neuss, Düren, Paderborn, Corvey, Bielefeld, Blomberg, Freckenhorst, Telgte und später Kevelaer). Die Bedeutung der städtischen Entwicklung in dieser Region gerade für unser Thema verdeutlichen gleich die für unsere Publikation gewohnten Zeitschnitte mit der Auflistung der Ersterwähnungen nachweisbarer Leprosorien:

12. Jahrhundert:

  1. Köln (1180).


13. Jahrhundert:

  1. Aachen (1230),
  2. Arnsberg (13. Jh.?),
  3. Dortmund (1263),
  4. Medebach (13. Jh.),
  5. Münster/Venne (1249),
  6. Soest (1251),
  7. Warendorf (1288).


14. Jahrhundert:

  1. Bielefeld (1355),
  2. Bonn (1364),
  3. Brilon (vor 1350),
  4. Düren (1358),
  5. Emmerich (1382),
  6. Essen (1323),
  7. Herford (vor 1333),
  8. Köln-Rodenkirchen (1376),
  9. Lemgo (1342),
  10. Lippstadt (1365),
  11. Lübbecke (1351),
  12. Marsberg (1348),
  13. Minden (vor 1309),
  14. Münster (1333),
  15. Neuss (1346),
  16. Paderborn (vor 1333),
  17. Warburg (14. Jh.),
  18. Werl (1330),
  19. Wesel (1372).


15. Jahrhundert:

  1. Ahaus (1490),
  2. Beckum (1487),
  3. Bielefeld (1475),
  4. Billerbeck (2. Hälfte 15. Jh.),
  5. Bocholt (1422),
  6. Borken (1490),
  7. Burgsteinfurt (Mitte 15. Jh.),
  8. Castrop-Rauxel (1450),
  9. Coesfeld (1409),
  10. Detmold (1460),
  11. Dorsten (1481),
  12. Dülmen (1414),
  13. Duisburg (1435),
  14. Geldern (1468),
  15. Geseke (1486),
  16. Glimbach (15. Jh.),
  17. Hamm (1410),
  18. Honrath (15. Jh.),
  19. Horn (1452),
  20. Kalkar (1441),
  21. Kalkar (1473),
  22. Kempen (1483),
  23. Kleve (1408),
  24. Köln-Judenbüchel (1429),
  25. Köln-Riehl (1474),
  26. Kranenburg (1442),
  27. Krefeld (1447),
  28. Lengerich (1485),
  29. Ratingen (1492),
  30. Rees (1429),
  31. Sendenhorst (1455),
  32. Siegen (1455),
  33. Telgte (1415),
  34. Vreden (15. Jh.),
  35. Warstein (vor 1494),
  36. Wattenscheid (vor 1430),
  37. Werne (1451),
  38. Wesseling (1458),
  39. Xanten (1429).


16. Jahrhundert:

  1. Ahlen (1571),
  2. Blankenheim (1564),
  3. Blomberg (1504),
  4. Bonn (1569),
  5. Borgentreich (1504),
  6. Brakel (1504),
  7. Corvey (1508),
  8. Düren (1554),
  9. Düsseldorf (1556),
  10. Erkelenz (1535),
  11. Goch (1531),
  12. Bad Godesberg (16. Jh.),
  13. Grevenbroich (1560),
  14. Hamm (1517),
  15. Havixbeck (1577),
  16. Höxter (1504),
  17. Jülich (1552),
  18. Kallenhardt (1563),
  19. Kerpen (1587),
  20. Lügde (1575),
  21. Monschau (1596),
  22. Nienborg (1510),
  23. Pulheim (1527),
  24. Recklinghausen (1527),
  25. Rheinbach (1525),
  26. Rüthen (1550),
  27. Siegen (1515),
  28. Uerdingen (1561),
  29. Unna (1500),
  30. Wachtendonk (1550),
  31. Wassenberg (1560),
  32. Wiedenbrück (1504).


17. Jahrhundert:

  1. Ascheberg (1661),
  2. Blatzheim (vor 1678),
  3. Borgholz (17. Jh.),
  4. Borgholzhausen (1647),
  5. Brachelen (17. Jh.),
  6. Düren (1635),
  7. Düsseldorf (1603),
  8. Düsseldorf (17. Jh.),
  9. Eschweiler (1680),
  10. Frechen (vor 1685),
  11. Haltern (1600),
  12. Bad Honnef (1665),
  13. Kevelaer (1640),
  14. Köln-Deutz (1672),
  15. Köln-Junckersdorf (17. Jh.),
  16. Linn (1622),
  17. Metelen (1650),
  18. Mönchengladbach (1603),
  19. Nideggen (vor 1632),
  20. Oelde (1687),
  21. Olfen ( 1661),
  22. Ramsdorf (1651),
  23. Roisdorf (1689),
  24. Salzkotten (1656),
  25. Solingen (vor 1684),
  26. Sonnborn (1644),
  27. Uedorf (1659/60),
  28. Viersen (1657),
  29. Waldfeucht (1628),
  30. Warburg (1622),
  31. Willich (17. Jh.) ,
  32. Wulfen (1649),
  33. Wuppertal (1605).


Undatiert:

  1. Bonn,
  2. Dinslaken,
  3. Dormagen,
  4. Drensteinfurt,
  5. Dülken,
  6. Herzfeld,
  7. Iserlohn,
  8. Laer,
  9. Neheim,
  10. Nottuln,
  11. Oedt,
  12. Orsoy,
  13. Plettenberg,
  14. Radevormwald,
  15. Schöppingen,
  16. Schwelm,
  17. Siegburg,
  18. Sonsbeck,
  19. Steinheim,
  20. Weilerswist,
  21. Wermelskirchen,
  22. Witten,
  23. Zülpich

Zusammenfassung:

Die Verbreitungskarte zeigt deutlich eine Streuung entlang der alten Fern- und Wasserstraßen, während das Sauer- und Siegerland mit wenigen Ausnahmen fast leer bleibt. Viele Häuser finden wir als komplette Anlagen ausgestattet (mit eigener Kapelle und/oder Friedhof). In Aachen, Beckum, Brilon, Dorsten, Kallenhardt, Köln-Melaten, Münster, Wattenscheid sind sogar Überreste (z. B. Gebäudereste, Kapelle, Friedhof) auf uns gekommen. Auch in Nordrhein-Westfalen finden wir sie an typischen Ortslagen (außerhalb der Stadt, an Gabelungen von Handelsstraßen, an Fluss- oder Bachverläufen und in der Nähe von Hinrichtungsstätten. 45 Häuser sind aufgrund von Flur- und Straßenbezeichnungen noch heute lokalisierbar (Aachen, Arnsberg, Ahlen, Ahaus, Beckum, Billerbeck, Blomberg, Bocholt, Brakel, Brilon, Detmold, Dortmund, Düren, Düsseldorf, Duisburg, Geldern, Geseke, Goch, Hamm, Höxter, Kempen, Köln, Lippstadt, Lübbecke, Marsberg, Medebach, Münster, Neuss, Paderborn,

Ramsdorf, Rattingen, Rees, Roisdorf, Schwelm, Siegen, Steinheim, Vreden, Warburg, Warendorf, Weilerswist, Wiedenbrück, Wulfen, Waldfeucht, Uedorf, Willich). Auch für diese Regionen fließen Angaben über die Anzahl der Insassen und die Belegung der Häuser spärlich: z. B. Köln-Melaten, als größtes Leprosenhaus im deutschsprachigen Raum, mit ca. 100 Insassen (1247), 20 Insassen (1564), ist sicherlich hervorzuheben, für das 15. Jahrhundert: Bielefeld (1475=4), das 16. Jahrhundert: Duisburg (1587-1686 im Durchschnitt 2-4 Personen), Essen (1544=7), Warendorf (8 Personen, 4 Männer und 4 Frauen), für das 17. Jahrhundert: Ahaus (1661= 7), Ahlen (1661=11), Ascheberg (1661=2), Beckum (1661=1), Billerbeck (1661=1), Bonn (1713 =1), Borken (1661=2), Dülmen (1661=1), Haltern, (1661=2), Medebach (1661=1), Sendenhorst (1661=1), Soest (1661=3), Telgte, (1661=2), Uerdingen (1641=2), Vreden (1661=4), Warendorf (1661=1).

 

Selbstverständlich ist für das 17. Jahrhundert davon auszugehen, dass durch den Rückgang der Lepra der größere Anteil der Bewohner nicht mehr leprakrank war. In dieser Zeit ist bei einer Reihe von Häusern ein fließender Funktionswandel festzustellen, der eine karitative Weiternutzung bis in das 18./19. Jahrhundert nachweisen lässt: Als Armenhäuser seit dem 17. Jahrhundert (z.B. Ahaus, Ahlen, Bielefeld, Billerbeck, Borken, Coesfeld, Dülmen, Kleve, Minden, Münster, Paderborn, Schwalenberg, Telgte, Warendorf), oder als vorrübergehende Zucht- und Arbeitshäuser (Köln-Melaten, Münster, oder als Isolierhäuser für andere Krankheiten (z. B. Pocken, Pest, Ruhr, wie z. B. Köln-Riehl, Brilon, Goch, Münster) oder als spätere Altenheime (wie z. B. in Münster) oder aus denen in unmittelbarer Nähe später Krankenhäuser entstanden sind (z. B. Aachen, Minden, Soest, Telgte). Beachtenswert bleibt, dass einige dieser Häuser auch im 17./18. Jahrhundert als Leprosorien weiterhin genutzt werden: Bonn (1713: 1 Aussätziger), Brachelen (1680 und 1697: Aussätzige), Burgsteinfurt (1626, 1628, 1639, 1645: „lazari“), Dorsten (bis 1670 Aussätzige erwähnt), Duisburg (bis 1691), Jülich (als Landessiechenhaus des Herzogtums Jülich von 1712-1716), Köln-Junkersdorf (1671, 1674, 1676, 1638, mit leprösen Insassen), Nideggen (1632: 1 Aussätziger), Nottuln (17. Jh. aussätzige Insassen), Ramsdorf (1651: 2 lepröse Frauen), Uerdingen (1641: 2 Lepröse), Warendorf (1676: 1 Lepröser), Werne (1773 letzter Lepröser verstorben).

 

Das Alltagsleben in den Häusern wurde durch spezielle Leprosenordnungen geregelt. Überliefert sind Ordnungen aus Essen (2. Hälfte des 15. Jh.), Rees (1497), Xanten (15. Jh.), Kleve (1560), Soest (ohne Jahr), für das Herzogtum Berg (1603), Münster (1661) und die Dürener Siechenordnung.

 

Die Leprakranken schlossen sich nicht selten als Bruderschaften zusammen: Köln (1553/1494), Herzogtum Kleve (1442) als „Heilig Kreuz Bruderschaft“, der Zusammenschluss aller Leprösen in einer St. Gertrudis-Bruderschaft in Blomberg, Borgentreich, Brakel, Höxter, Lemgo, Herzfeld, Paderborn (1504), Bonn (1528) als Bruderschaft „Unserer lieben Frauen und St. Lazarus“, Coesfeld und Dülmen in einer Heilig-Kreuz-Bruderschaft, Geseke in der Jakobusbruderschaft, im Herzogtum Geldern (1554) und Berg (1603) in der Bruderschaft „Unserer lieben Frauen und St. Lazarus“.

 

Wer unter dem Verdacht stand, leprakrank zu sein, musste zur Lepraschau nach Köln, Paderborn oder

Hamm, um sich dort, je nach Zuständigkeitsgebiet, im dortigen Leprosorium untersuchen zu lassen.

 

Als Patrone der Leprosenhäuser werden am häufigsten genannt:

 

„St. Jürgen/St. Georg“:

Coesfeld, Dülmen, Bad Godesberg, Lemgo, Minden, Paderborn, Soest, Unna, Warendorf, Werl, Werne, Wiedenbrück.

 

„Heilige Gertrud“:

Beckum, Bielefeld, Borgentreich, Brakel, Dülmen, Höxter, Münster, Telgte.

 

„Lazarus“:

Aachen, Bonn, Dülmen, Düren, Ratingen, Wesel, Xanten.

 

 

Jürgen Belker - van den Heuvel, Münster

 

Details der mittelalterlichen im heutigen Nordrhein-Westfalen

 

Übersichtskarte der Leprosorien in Nordrhein-Westfalen

 

 

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