Lepramuseum
Münster-Kinderhaus
Von der Leprastation zu
altengerechten Wohnungen
Ein einmaliges Zeugnis
sozialer Nutzungen wird restauriert . . . . . . .
Das heute noch mit
dem Begriff "Leprosenhaus" bezeichnete Fachwerkgebäude
ist eines der hochrangigsten Baudenkmäler in Münster. Es besteht
aus einem älteren, kleinen Flügel, der "Provisorenhaus"
bezeichnet wird, und dem daran anschließenden größeren
Gebäudeteil, dem ehemaligen "Werkhaus". Die Fachwerkkonstruktion
des ersten Hauses wurde um 1580 unter Verwendung älterer Holzbalken
verzimmert. Das "Werkhaus" entstand 1662 - 1671 als kompletter
Neubau. Beide Gebäude stehen auf dem Gelände des ehemaligen
Leprosoriums Kinderhaus.
Leprosorien wurden
im Mittelalter weit außerhalb der Städte gegründet,
um die Verbreitung der Lepra einzudämmen. Erste Hinweise auf das
Leprosorium in Kinderhaus stammen aus dem frühen 14. Jahrhundert.
In dem Provisorenhaus waren die für die Verwaltung der Leprosenstiftung
zuständigen Ratsherren untergebracht.
Im Jahre 1662 wurde
das Leprosorium aufgehoben. Die Ausbreitung der Lepra war unter Kontrolle.
Nun fühlte sich Bischof Christoph Bernhard von Galen, oberster
Landesherr, persönlich für Kinderhaus verantwortlich. Er beauftragte
den Neubau eines "Werkhauses" für 100 Waisenkinder, die
hier wohnen und in einer Wollmanufaktur arbeiten sollten. Nach 10 Jahren
Bauzeit - die Hälfte war erst fertiggestellt - wurden die Bauarbeiten
eingestellt und der Betrieb aufgenommen.
Der Versuch, die
Kinder in Arbeitsprozesse einzubinden, scheiterte. Die Manufaktur wurde
still gelegt. Im Jahre 1683 beschloss der Rat der Stadt Münster
eine Stiftung zur Unterstützung der Armen zu gründen, die
Stiftung "Pfründnerhaus Kinderhaus". Ins "Werkhaus"
zogen Pfründerinnen ein. Bis zum Sommer 2003 wurde das Haus von
älteren Frauen bewohnt.
Eine Besonderheit der Anlage in Kinderhaus ist die Raumstruktur des
"Werkhauses". Ohne Vorbild wurde hier im 17. Jahrhundert ein
Konzept umgesetzt, bei dem 24 gleichartige Räume über einen
innenliegenden Flur erschlossen werden. Die Kinder waren also nicht
in einem Saal, sondern zu zweit in kleinen Zimmern untergebracht. Im
Provisorenhaus zeigen zum Beispiel Schrank oder Kamin noch heute die
Lebensbedingungen früherer Zeit.

Seit vielen Jahren
ist die Stiftung mit Unterstützung der Stadt Münster um eine
sinnvolle Nutzung der Fachwerkgebäude bemüht. Die sanitären
Bedingungen und die Größe der Zimmer entsprechen nicht mehr
heutigen Anforderungen an altengerechte Wohnungen, die daher in Teilen
inzwischen vom Lepramuseum und Museum der Bürgervereinigung Kinderhaus
genutzt werden. Gravierende Bauschäden am Fachwerk sind ebenso
augenscheinlich. Eine Vielzahl von Lösungsansätzen wurde diskutiert
und wieder verworfen. Sie waren entweder nicht finanzierbar oder mit
zu großen Eingriffen in die Bausubstanz verbunden.
Nun endlich ist ein Rettungsweg gefunden. Im September 2003 war Baubeginn.
Die Wohn- und Stadtbau, eine Tochtergesellschaft der Stadt Münster,
setzt ein Konzept um, dass in der Kontinuität der sozialen Nutzung
des Hauses steht. Neben den beiden Museen werden fünf altengerechte
Wohnungen eingerichtet. Die Denkmalpflege ist äußerst zufrieden.
Die ursprüngliche Raumstruktur wird größtenteils erhalten.
Zwar müssen die Wohnungstrennwände aus brandschutztechnischen
Gründen mit Rigips "verkleidet" werden, aber in den Wohnungen
vermitteln alte Materialien an Wand, Decke und Tür die Baugeschichte.
Auch das ursprüngliche Treppenhaus wird in Abstimmung mit der Feuerwehr
erhalten.

eingerüstete
Südfassade des Provisorenhauses
Instandsetzungsarbeiten
an einem alten Denkmal verblüffen die Beteiligten immer wieder.
Es ist nie vorhersehbar, was an geschichtlichen Spuren erhalten ist.
So "mogelten" die Handwerker an der Südfassade des Provisorenhauses
schon vor langer Zeit. Man meint einen Geschossbalken zu sehen, der
auf die ältere Umfassungsmauer des Leprosenbezirks aufgelegt wurde.
Doch bei der Freilegung erstaunte Blicke: Der Balken ist ein Brett,
das Mauerwerk verdeckt. Doch weil solch ein "Pfusch am Bau"
historische Realität ist, wurde sie erhalten.
Einige Monate wird die Restaurierung der Fachwerkhäuser noch dauern.
Einen Zeitrahmen festzulegen ist schwierig, da man nicht weiß,
wo die nächste Überraschung lauert. Die Zusammenarbeit zwischen.
der Wohn- und Stadtbau, den beiden Museen, die manche Unannehmlichkeiten
während der Bauzeit hinnehmen müssen, und der Denkmalpflege
ist hervorragend. Noch im Jahre 2004 werden die Arbeiten am Leprosorium
Kinderhaus beendet sein. Ein für Münster und wahrscheinlich
für ganz Deutschland einmaliges und wertvolles Ensemble der Sozialgeschichte
wird dann auch wieder für die Besucher der Museen erlebbar sein.
Mechthild Mennebröcker,
Münster
Lepramuseum
Kinderhaus 15, 48159 Münster
Auch während der Umbauarbeiten
ist das Museum geöffnet:
Sonntags von 15 bis 17
Uhr
wochentags nur nach
Vereinbarung
mit der Tutorin des Museums, Helga Brömmelhaus, Tel.
02552-3891
oder Dr. Ivo Just, Tel. 0251-28510
Eintritt frei
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