Die Klapper 2008 . . . . . . . . .

Mit Siechen feiern
Zu diesem Heft
Die Vorstellung,
man könnte sich beim Besuch des Lepramuseums im ehemaligen Leprahospitals
der Stadt Münster in Kinderhaus, wo der letzte Leprakranke 1676
starb, die Lepra zuziehen, begegnet immer wieder. Manche meinen, die
Lepra habe hier in den Ritzen des Mauerwerks überdauert und würde
noch nach Jahrhunderten ihre schädliche Wirkung entfalten.
Aufklärung
zu leisten ist jeden Tag nötig. Gut ernährt, mit intaktem
Immunsystem und unter Beachtung einfachster hygienischer Grundsätze
wird ein Europäer nicht leprakrank, auch wenn er täglich mit
Leprakranken zum Beispiel in Indien, Pakistan oder Brasilien umgeht.
Mit Siechen zu feiern
und auf diese Weise die Stigmatisierung der Kranken aufzuheben, dafür
dürften schon die Ratsherren der Stadt Münster im 16. Jahrhundert
ein wenig Überwindung aufzubringen gehabt haben. Sie taten es aber.
Zur jährlichen Siechenkirmes Mitte Juli besuchten Ratsherren aus
Münster oft in größerer Zahl und mit ihren Ehefrauen
die Leprakranken in Kinderhaus, um hier mit ihnen die Kirchweih zu feiern.
Daran soll 2009 erstmals angeknüpft werden. Am Samstag, dem 30.
Mai 2009 (Pfingstsamstag), 1120 Uhr, veranstaltet die Gesellschaft
für Leprakunde e.V. mit Unterstützung der Deutschen Lepra-
und Tuberkulosehilfe (DAHW) e.V., Büro Münster, eine Siechenkirmes
als Mittelaltermarkt.
Mit Leprakranken
zu feiern war auch für Manfred Göbel wie vermutlich
für viele Leprahelferinnen und -helfer eine Prüfung.
In seinem Buch Größer als Furcht ist die Liebe
gibt er hierüber Auskunft. Petra Jahnke stellt es in diesem Heft
vor. Von der Arbeit mit Leprakranken berichtet auch Magdalena Heikel,
die Dr. Ruth Pfau 2005 in Pakistan besuchte und begleitete.
Der Bogen der Themen
dieser sechzehnten Klapper spannt sich von Hannah Lesshaffts
Bericht über die Weltleprakonferenz in Hyderabad, Indien, über
die genannten persönlichen Erfahrungsberichte in Pakistan und Brasilien
zurück zur Geschichte der Lepra mit dem Beitrag von Max Hundeiker
über Venezuela sowie der Buchbesprechung von Ivo Just über
die Geschichte der Lepra in der Schweiz.
In der Heftmitte
schildert Helma Rombach-Geier die Gründung der Melaten-Gesellschaft
Aachen e.V. Lepra-Moulagen, die Hans-Jörg Hahn vorstellt, sind
Wachsabformungen von Körperpartien der Leprapatienten und wichtige
Zeugnisse der Medizingeschichte. Im Lepramuseum in Münster-Kinderhaus
werden Beispiele gezeigt. Die weiteren Berichte sind verschiedenen Aktivitäten
der Gesellschaft für Leprakunde gewidmet: Von der Konservierung
von Präparaten (Christian Witting), über die Fugensanierung
der ehemaligen Hospitalmauer, zu der die Gesellschaft für Leprakunde
den Anstoß gab (Mechthild Mennebröcker), zur Ausstellung
von Hagioskopen- Skulpturen des Mönchengladbacher Künstlers
Wolfgang Franken.
Mit Siechen feiern
das war für die Bauern der Kinderhaus umgebenden Bauerschaft
Sandrup im 16. Jahrhundert eine Selbstverständlichkeit, wenn sie
die Messe der Kinderhauser Hospitalkirche besuchten. Ein Hagioskop,
also den Sehschlitz in der Kirchenmauer, durch den die Kranken die Messe
von außen mitfeiern konnten, gab es in Kinderhaus nicht. Die Kinderhauser
Gertrudenkirche (heute Josefskirche) war die Kirche der Leprakranken.
Hier waren die Gesunden die Gäste.
Ralf Klötzer, Münster
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